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. Seit 15 Jahren betreut die Gartendenkmalpflege
historische Anlagen, vorwiegend aus der Zeit des 19. und frühen 20.
Jahrhunderts. In zwölf ausgewählten Porträts zeigt das
Buch auf, mit welchen Mitteln die historisch wertvolle Substanz von Gärten
auch für kommende Generationen erhalten wird. So unterschiedlich
wie die Probleme, die sich in städtischen Parks ergeben, gestalten
sich die Lösungen. Diese werden von unabhängigen Expertinnen
und Experten kritisch gewürdigt. Dadurch entstand ein lebendiger,
für Gartenliebhaber und die Fachwelt aufschlussreicher Dialog.
Den Zauber und Charme der Gärten hat der Fotograf Giorgio von Arb
in stimmungsvollen, grossformatigen Schwarzweiss-Aufnahmen festgehalten.
– Bad Allenmoos
– Arboretum
– Bäckeranlage
– Villa Bleuler
– Freigut
– Friedhof Sihlfeld
– Kreuzkirche
– Platzspitz
– Rieterpark
– Villa Patumbah
– Villa Schönberg
– Villa Tobler
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FORTSETZUNG BUCHBESCHRIEB | 12 GÄRTEN
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 02 Arboretum
 03 Bäckeranlage
 04 Freigut
 05 Kreuzkirche
 06 Villa Patumbah
 07 Platzspitz
 08 Rieterpark
 09 Fiedhof Sihlfeld
 10 Kornblumenblau und Abricot
 11 Materialien zu den 12 Gärten
 12 Materialien - Villa Bleuler
 01 Bad Allenmos
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Gartendenkmalpflege – eine Pionierfachstelle in Zürich
von Judith Rohrer
Als vor 15 Jahren am 1. Januar 1989 das Büro für Gartendenkmalpflege
im damaligen Gartenbauamt der Stadt Zürich die Arbeit aufnahm, betrat es
schweizweit Neuland. Kaum jemand konnte sich konkret vorstellen, womit sich diese
von Walter Frischknecht betreute Fachstelle beschäftigte.
Heute ist die Gartendenkmalpflege als Disziplin in allen grösseren Gartenbauämtern
der Schweiz verankert, und viele Landschaftsarchitekturbüros bieten ihr
Können im Umgang mit historischen Gärten an. In Zürich ist die
Gartendenkmalpflege eine gefestigte Institution geworden.
Die Stadt besitzt einige gartenhistorische Schmuckstücke, vor-wiegend aus
dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, welche als lebendige Zeitzeugen durchlebte
Geschichte verkörpern und insgesamt eine grosse Bereicherung für Zürich
darstellen. Sie auch weiteren Generationen zu erhalten und doch mit heutigem
Leben zu füllen, gehört zur Kernaufgabe der Gartendenkmalpflege.
Am Anfang stand das Inventar
Wichtige Triebfeder für die Schaffung der Gartendenkmalpflegestelle
1989 war das Mitte der siebziger Jahre überarbeitete Zürcher
Planungs- und Baugesetz. Erstmals wurde unter dem Titel «Natur-
und Heimatschutz» das Erstellen von Inventaren gefordert –
und Parkanlagen waren explizit mit eingeschlossen. Für alle in der
Denkmalpflege tätigen Personen ist das Inventar die Basis ihres Handelns.
Es ermöglicht den Überblick über potenzielle Schutzobjekte
und erlaubt, die Bedeutung einzelner Objekte schnell und richtig zu beurteilen.
Weshalb fiel die gesetzliche Verpflichtung, Inventare zu erlassen, gerade
in Zürich auf fruchtbaren Boden? Als die Stadtzürcher Denkmalpflege
1986 nach mehrjähriger Arbeit ihr Inventar der kunst- und kulturhistorischen
Schutzobjekte abschloss, hatte dieses Vorbildfunktion. Es reifte die Erkenntnis,
dass Gärten, die zu historischen Gebäuden gehören, nicht
pauschal als «Umschwung» zu würdigen sind, sondern dass
der Aussenraum das Ensemble erst vollständig macht und deshalb mit
gleicher Sorgfalt zu beurteilen ist.
Die Stadt erwarb in den frühen achtziger Jahren verschiedene Villen des
ausgehenden 19. Jahrhunderts mit Parkanlagen, die nach Gartendenkmalpflege verlangten.
Engagierte Mitarbeiter des Gartenbauamtes und fachlich versierte Privatpersonen
drängten darauf, für Zürich ein Garteninventar zu erstellen. Das
Anliegen wurde auf politischer Ebene unterstützt, die nötigen Mittel
wurden zur Verfügung gestellt, so dass zwei Gartenhistorikerinnen die grosse
Arbeit in Angriff nehmen konnten: systematische Begehungen, Auswertung von Luftbildern,
Vergleiche mit dem Inventar der Denkmalpflege und Zuhilfenahme früherer
Grundlagenarbeiten. Sie stellten ein Inventar mit rund 850 Objekten zusammen,
und im Juli 1989 setzte es der Stadtrat in Kraft. Ein griffiges Instrument der
Gartendenkmalpflege war geschaffen; fast gleichzeitig nahm die Fachstelle ihre
Arbeit auf. Ihre hauptsächlichen Aufgaben sind Schützen, Pflegen und
Beraten.
Gartenkultur schützen
Die schwierigste und leider auch von vielen Rückschlägen begleitete
Aufgabe ist das Schützen inventarisierter Anlagen, die in Gefahr geraten.
Die Gartendenkmalpflege schützt nicht auf Vorrat, sondern wird erst aktiv,
wenn ein Baugesuch einen inventarisierten Garten oder Teile davon gefährdet.
Die Bauherrschaft und der Architekt werden über den gartenhistorischen Wert
der Anlage und die Folgen des geplanten Eingriffs informiert. Durch eine fundierte
Beratung können schutzwürdige Teile eines Gartens oftmals erhalten
werden, sei es durch geschicktere Platzierung oder Redimensionierung des Bauvorhabens.
Droht der Verlust eines Inventarobjektes, veranlasst die Gartendenkmalpflege
eine sogenannte Schutzabklärung, welche den Schutzwert der Anlage aufgrund
eines Fachgutachtens definiert. Der Stadtrat entscheidet darüber, ob der
Garten definitiv geschützt und die Bauherrschaft entsprechend entschädigt
wird oder ob der Garten aus dem Inventar zu entlassen ist. Eine finanzielle Entschädigung
kann auch in die Millionen gehen, und so sind integrale Unterschutzstellungen
privater Gärten oft schwierig.
Anders die städtischen Parkanlagen. Durch den Inventareintrag hat sich die
Stadt grundsätzlich für den Schutz der Anlagen aus-gesprochen. Veränderte
Nutzungsansprüche oder Bauvorhaben an Gebäuden führen jedoch immer
wieder zu Konflikten. Dabei hat die Gartendenkmalpflege ein wichtiges Wort mitzureden,
erst ein politischer Entscheid kann ihren Einfluss unterbinden – wie beim
geplanten Ausbau des Landesmuseums im Platzspitzpark.
Historisch wertvolle Substanz pflegen
Mit dem Schutz einer Anlage ist erst der Grundstein zu deren Erhaltung gelegt.
Nun gilt es, ein Gartendenkmal so zu pflegen, dass sich die Vegetation trotz
steter Entwicklung im Sinne ihrer Gestalter entfaltet. Es liegt im Wesen des
Gartens, dass kein Zustand von Dauer ist. Die Pflege der Pflanzen erfordert Fachkenntnis
und Weitsicht. Früher wurden Parkanlagen jahrzehntelang vom selben Villengärtner
betreut. Heute muss der fehlenden Konstanz in der Pflege mit einem Hilfsmittel
begegnet werden, dem Parkpflegewerk. Es ist ein international gebräuchliches
Instrument und hat zum Ziel, für eine historische Anlage ein Pflegeleitbild
zu entwickeln, das ungeachtet wechselnder Zuständigkeiten in die Tat umgesetzt
werden kann.
Im Parkpflegewerk festgehalten sind die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte
der Anlage, dann die Bewertung des aktuellen Zustands und der Schutzwert sowie
das Pflegeleitbild, nach dem die Parkanlage weiter gepflegt werden soll.
Die Zeit spielt im Garten eine zentrale Rolle. Bäume brauchen Jahrzehnte,
um die beabsichtigte Raumwirkung zu entfalten. Auch die Wahl der Pflanzen ist
ein wichtiges Thema, denn auch sie unterliegen Modetrends. Der Charakter einer
Anlage kann nur erhalten bleiben, wenn der Ersatz für abgestorbene Pflanzen
gleichwertig ist. Lebhaft in Erinnerung sind die hitzigen Diskussionen Anfang
der neunziger Jahre, als im Zuge der Öko-Bewegung gefordert wurde, in den
reich mit fremdländischen Gehölzen ausgestatteten Landschaftsparks
nur noch einheimische Bäume nachzupflanzen. Ein wichtiges Charakteristikum
des späten Landschaftsgartens wäre damit verloren gegangen.
Parkpflegewerke soll es künftig für alle städtischen Parkanlagen
geben. Noch klappt aber die Umsetzung der Parkpflegewerke nicht überall
im gewünschten Mass. Die beste Garantie dafür ist heute wie damals,
dass engagierte Fachleute als eigentliche Villengärtner arbeiten können.
Grün Stadt Zürich beschäftigt insgesamt drei solche Gartenspezialisten,
zwei im Seefeld und einen in der Enge.
Beratend zusammenarbeiten
Die Gartendenkmalpflege ist die kleinste Fachstelle von Grün Stadt Zürich.
Die beiden Landschaftsarchitektinnen Judith Rohrer und Silvia Steeb teilen sich
die Stelle. Um all die vielfältigen Aufgaben bewältigen zu können,
arbeiten sie eng mit anderen Fachleuten zusammen. In ihrem Auftrag erarbeiten
spezialisierte Landschaftsarchitekturbüros Parkpflegewerke und Sanierungsprojekte,
Historiker und Kunsthistorikerinnen übernehmen die Grundlagenforschung.
Bei der Alltagsarbeit sind Fachleute der städtischen und kantonalen Denkmalpflege
Partnerinnen und Mitstreiter, während das Institut für Denkmalpflege
an der ETH sie in wissenschaftlicher Hinsicht unterstützt.
Am wichtigsten jedoch ist die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitenden von Grün
Stadt Zürich, allen voran mit den Gärtnerinnen und Gärtnern. Dank
gegenseitiger Akzeptanz, Fachkompetenz und viel Engagement ist die Gartendenkmalpflege
heute fest im Bewusstsein der Pflegeteams städtischer Parks verankert und
gut integriert.
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LESEPROBE 1 | 12 GÄRTEN
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Rekonstruktion und Rettungsversuch
von Judith Rohrer
Der seit 1929 zweigeteilte Landschaftspark der Villa Patumbah beschäftigt
die Gartendenkmalpflege seit vielen Jahren. Als Pilotprojekt wurden auf der südlichen
Parkhälfte, die seit 1977 der Stadt gehört, erste gartendenkmalpflegerische
Versuche unternommen. Die eigentliche Rekonstruktion dieses Parkteils erfolgte
dann Ende der achtziger Jahre. Das grosse Ziel jedoch, die Wiedervereinigung
beider Parkhälften, ist trotz jahrelanger Bemühungen ein weiterhin
Wunschtraum.
Der überraschende Erfolg der Initiative «Pro Patumbah-Park»,
welche 1985 zur Abwendung eines Altersheim-Neubaus die Umzonung der städtischen
Parkhälfte in die Freihaltezone forderte, ebnete den Weg für die Gartendenkmalpflege.
Zwar erkannten nur geübte Augen im verwilderten und stark vereinfachten
Parkteil die Spuren einstiger Pracht, aber mit Hilfe von originalen Gartenplänen,
historischen Aufnahmen aus dem 19. Jahrhundert und Aussagen von Personen, die
den Park schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts gekannt haben, konnte die Entstehungs-
und Entwicklungsgeschichte des Patumbah-Parks genau nachvollzogen werden. Sondierschlitze
im Rasen förderten Kofferungsreste ehemaliger Kieswege zu Tage, die belegten,
dass das brezelartig geformte Wegnetz auf den Plänen tatsächlich so
bestanden hatte. Auch die kunstvolle Topografie des Landschaftsparks war unverändert
erhalten, und die originalen Baumgruppen waren inmitten der wild gewachsenen
Gehölze noch zu erkennen.
1988 begannen die eigentlichen Arbeiten im Park: Das Wegnetz wurde rekonstruiert,
das Wasserbecken dem nicht mehr rettbaren Original nachgebaut, der Baumbestand
ausgelichtet, und die Sichtachsen auf Villa und Umgebung wurden wieder freigelegt.
Besonders anspruchsvoll war die Neupflanzung der nach dem Originalplan des Gartenkünstlers
Evariste Mertens wiederhergestellten Beete. Der Plan bot nur rudimentäre
Anhaltspunkte. So mussten die Stauden- und Schmuckpflanzungen aufgrund besser
dokumentierter, verwandter Gärten oder nach Pflanzkatalogen aus der Zeit
zusammengetragen werden. Die Gartenkünstler des 19. Jahrhunderts waren Virtuosen
in der Zusammenstellung spannungsvoller Hell-Dunkel-Kontraste, in der Kombination
schöner Blattformen und Blütenfarben und im gekonnten Einsetzen von
Duftpflanzen. All dies trug massgebend zur Stimmung im Garten bei und musste
bei der Rekonstruktion berücksichtigt werden.
Nach Beendigung der Arbeiten an der städtischen Patumbah-Hälfte brauchte
es viel gärtnerisches Geschick, um all diese feinen Nuancen und Stimmungen
wieder zur Entfaltung zu bringen. Es gelang dank der Einrichtung einer Villengärtnerstelle.
Seit 1990 pflegt Marcel Wächter – seit 2001 unterstützt von Maja
Rathfelder – die Riesbacher Villengärten mit viel Sachverstand und
Einfühlungsvermögen. Nur dank dieser kontinuierlichen und engagierten
Pflege ist der anspruchsvolle Unterhalt des historischen Gartens mit den alten
Hochstammrosen, den Wechselflor- und Schmuckstaudenbeeten und den üppigen
Kübelpflanzen zu bewältigen.
Als 1988 mit der Rekonstruktion der städtischen Parkhälfte begonnen
wurde, war man optimistisch, den noch privaten Parkteil gleich anschliessend
erwerben zu können und mit dem städtischen zu vereinen. Leider kam
es anders. Zu Beginn der neunziger Jahre kämpfte die Stadt mit wirtschaftlichen
und sozialen Problemen, allen voran der offenen Drogenszene. Die Investition
eines zweistelligen Millionenbetrags zum Kauf eines halben Parks war indiskutabel.
Die Gartendenkmalpflege gab aber nicht auf, da der private Parkteil – im
Gegensatz zum städtischen – original erhalten geblieben war und sich
die einmalige Chance einer Wiedervereinigung bot. 1995 erfolgte die Gründung
einer gemeinnützigen Stiftung zur Rettung des Patumbah-Parkes. Trotz jahrelangen
Verhandlungen mit der Stadt, dem Kanton und potenziellen Investoren ist die Zukunft
eines wiedervereinten Ensembles noch ungewiss.
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LESEPROBE 2 | 12 GÄRTEN
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Rekonstruktion – Verlockung und Gefahr
von Dr. Brigitt Sigel
Institut für Denkmalpflege ETH Zürich
Seit ihren Anfängen in der Französischen Revolution ist es
die Aufgabe der Denkmalpflege, materielle Zeugen der Geschichte zu erhalten,
das heisst Objekte, die in vergangener Zeit von Menschenhand geschaffen
wurden und die sich, gezeichnet von den Spuren durchlebter Zeit, bis
heute erhalten haben.
Ein solcher Zeuge ist auch der Patumbah-Park. Er wurde in zwei Schritten
angelegt: 1885 der hausnahe Schmuckgarten und 1890, nach dem Bau des
Eisenbahntunnels Stadelhofen–Tiefenbrunnen, der landschaftliche
Parkteil. Spuren durchlebter Zeit haben nicht nur die natürliche
Alterung, sondern auch die Vereinfachung oder gar Aufgabe der Pflege
hinterlassen: Bauliche Ausstattungselemente verfielen. Der unterbliebene
Baumschnitt führte zu Veränderungen im Verhältnis von
Gehölzvolumen und freien Flächen. Absterbende Bäume wurden
zwar laufend durch Spontanvegetation ersetzt, die ursprüngliche
Artenvielfalt ging dadurch aber verloren. Den hausnahen Gartenteil hat
man gestalterisch vereinfacht und die aufwendigen Blumenpflanzungen aufgegeben.
Zu den Spuren durchlebter Zeit gehören auch Ergänzungen wie
die spätere Arrondierung des Grundstücks entlang der Mühlebachstrasse.
Die tiefste Spur entstand durch den Verkauf der nördlichen Grundstückshälfte,
denn die unterschiedlichen Schicksale der beiden Parkteile führten
dazu, dass wir heute auf der einen Seite des trennenden Zauns ein zwar
vernachlässigtes, aber authentisches Denkmal haben und auf der anderen
Seite einen weit gehend rekonstruierten Garten.
Diese Rekonstruktion hat sich in den folgenden juristischen Auseinandersetzungen
um die nördliche Parkhälfte als fatal erwiesen. Ihre Unterschutzstellung
wurde nämlich auch in zweiter Instanz mit folgender Begründung
abgelehnt: «Ein Objekt, das nicht nur renoviert, sondern rekonstruiert
werden muss, damit es Zeugnis einer bestimmten kulturhistorischen Epoche
ablegen kann, ist […] kein echter und erst recht kein wichtiger
Zeuge.» Die jugendliche Frische und der perfekte Pflegezustand
des rekonstruierten Parkteils haben die andere Hälfte buchstäblich
zu einem Nichts degradiert – ein Missverständnis, das durch
die unterschiedliche Gestaltungsart der beiden Parkteile (Schmuckgarten
hier – landschaftlicher Park und Nutzgarten dort) wohl zusätzlich
genährt wurde und nicht mehr aus der Welt zu schaffen war.
In Tat und Wahrheit ist aber der nördliche Parkteil ein «echter» und «wichtiger» Zeuge,
denn Topografie, Bodenmodellierung, Gehölze, Wegnetz, Gewächshaus
mit Heizanlage, Frühbeetkästen und Spaliermauern sind in ihrer
materiellen geschichtlichen Substanz noch weit gehend vorhanden. Allerdings
tragen diese Elemente eben deutlich die Spuren des Alters, und die gestalterischen
Qualitäten sind durch vielerlei Eingriffe und natürliche Vorgänge
verschleiert. So liegen die Wege unter einer Grasnarbe, die geschwungenen
Säume der Gehölze sind durch Spontanvegetation verunklärt
und die Weiträumigkeit der Wiesen durch Versuchspflanzungen des
Botanischen Instituts verstellt. Eine sorgfältige Restaurierung
könnte diese Qualitäten wieder herausarbeiten. Rekonstruktionen
wären hierfür nicht notwendig.
Unter den vielen Gründen, warum Rekonstruktionen in der Denkmalpflege
abzulehnen sind, seien folgende genannt:
•
Rekonstruktionen unterwandern den gültigen Denkmalbegriff, der unlösbar
an die historische Substanz geknüpft ist.
•
Rekonstruktionen mögen in identischem Material und gleicher Konstruktionsweise
die Form historischer Objekte nachbilden. Niemals aber tragen solche
Nachbildungen die Spuren durchlebter Zeit, denn sie sind neu und geschichtslos.
•
Rekonstruktionen blenden und verblenden mit ihrer jugendlichen Frische
und Vollkommenheit, so dass authentische Denkmäler daneben verblassen.
Der Fall Patumbah-Park zeigt exemplarisch, dass Rekonstruktionen immer
wieder zum Massstab genommen und so zur Konkurrenz für authentische
Denkmäler werden, die dann keine Chance mehr haben, überhaupt
erkannt, geschweige denn gewürdigt zu werden.
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LESEPROBE 3 | 12 GÄRTEN
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Giorgio von Arb, 1952 geboren, lebt in Zürich. Ausbildung zum Fotografen an der Schule für Gestaltung Zürich, von 1981 bis 2001 Lehrtätigkeit an derselben Schule. Ab 1982 freier Fotograf mit Schwergewicht Journalismus und Public Relations, diverse themenbezogene Buchpublikationen und Künstlermonografien, ab 1996 auch Projektleitung für Ausstellungen und Kunst-am-Bau-Aufträge.
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AUTOR | 12 GÄRTEN
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| Ansprache
der Schriftstellerin Ilma Rakusa anlässlich der Vernissage Im Stadthaus
Zürich, Mai 2004 (Auszug)
«Die Subjektivität gerät bei Giorgio von Arb nie zur Selbstfeier.
Immer geht es ihm um die Sache, um die Feier des Gegenstands. Seine bilder
laden zum Verweilen ein: zur kontemplativen Vertiefung, zur kritischen
Auseinandersetzung, zum beglückenden Aha-Erlebnis. Man mag sie auf
ihren Informations- , aber auch auf ihren Stimmungsgehalt hin «lesen»,
auf ihre ästhetische Botschaft und auf ihr «Geheimnis».
Manchmal erzählen sie Geschichten, wie die wunderbare, vielfach gestaffelte
Schwarzweissaufnahme von der Bäckeranlage: Vorne links ein angelehntes
Fahrrad, dann eine Reihe von Holztischen und -bänken, wo Paare bei
einem Drink angeregt plaudern, hinten, auf der Wiese, eine Kinderschaukel
und stehende, liegende, spielende Menschen, noch weiter hinten, am Rande
des Parks, kaum wahrnehmbar, die Parkbänke. Und nicht zu vergessen
die Bäume, deren dichtes Laub das Licht filtert. Denn dieses Sommerbild
lebt von Licht und Schatten und deren Wechselspiel. Atmosphärisch
fängt es die Nuancen der Helligkeit ein – besonders schön
in den «flimmernden» Baumkronen -, man glaubt aber auch die
Temperatur der Luft zu spüren und die Stimmen und Geräusche
zu vernehmen. Das nennt sich: suggestiver Zauber.»
Neue Zürcher Zeitung, 6. Mai 2004
«Sensibler Umgang mit historischen Grünanlagen – Zwischenbilanz
der Stadtzürcher Gartendenkmalpflege
1994 hatte die Fachstelle für Gartendenkmalpflege dem Fotografen
Giorgio von Arb den Auftrag erteilt, die wichtigsten schutzwürdigen
Gärten der Stadt zu dokumentieren. Facettenreich hat von Arb seither
die grünen Inseln in stimmungsvollen Bildern eingefangen, von denen
ein Teil nun im Buch ‹12 Gärten – Historische Anlagen
in Zürich› zu sehen ist. Ergänzt werden die Bilder durch
Schilderungen der Gartendenkmalpflege, wie mit den Problemstellungen in
den einzelnen Anlagen jeweils umgegangen wurde, sowie durch kritische
Kommentare unabhängiger Experten. Das Buch schliesst mit einer Materialsammlung
ab, die Informationen zu Geschichte und Gegenwart der ausgewählten
Anlagen umfasst.»
Tages-Anzeiger, 13. Mai 2005
«Fotograf als ‹Arbeiter im Paradies›
Von Arbs Bilder sind keine Schnellschüsse. Über zehn Jahre hinweg
erkundete er als eine Art ‹Arbeiter im Paradies› (von Arb)
die Anlagen, um die sich die Fachstelle denkmalpflegerisch kümmert.
Wiedererkennungseffekte bleiben nicht aus: Hier die pilzförmige Dachkonstruktion
des Freibads Allenmoos, da die sich aufbäumenden Bronze-Zebras in
der Bäckeranlage, dort die bis ans Wasser der Limmat hinabreichenden
Äste der Ahornkolosse im Platzspitz. Totalen und Überblicksaufnahmen
in streng dokumentarischer Manier sind selten; die Mehrheit der Fotografien
konzentriert sich auf ein Detail, dem von Arb seinen subjektiven Stempel
aufdrückt: eine weibliche Figur aus Bronze, die aus dem hohen Gras
emporwächst und in ein grotesk anmutendes Zwiegespräch mit einer
Lautsprecheranlage versunken scheint, oder ein vernarbter Baumstamm, vollgeritzt
mit Initialen und Liebesparolen. Natur und menschlicher Gestaltungsdrang
finden hier zu einer poetisch-labilen Einheit. Immer wieder gelingt es
dem Fotografen, die einer Anlage eigenen Kompositionsgesetze hervortreten
zu lassen und daraus ein berückendes Wechselspiel aus Formbezügen,
Licht und Schatten zu komponieren.
Italienische Leuchtkäfer in Hottingen
Nebst visuellen Aha- und Oooh-Erlebnissen vermittelt das Buch aber auch
eine ganze Menge Hintergründiges in Textbeiträgen, verfasst
von den beiden Co-Leiterinnen der Fachstelle, Judith Rohner und Silvia
Steeb, sowie von weiteren Fachleuten. Wer hätte etwa gedacht, dass
an schönen Juniabenden italienische Leuchtkäfer – die
einzige bekannte Population nördlich der Alpen – als kleine
weisse Blinklichter um die Kreuzkirche in Hottingen tanzen? Oder dass
man schon vor hundert Jahren über ‹lichtscheues Gesindel›
in der Bäckeranlage klagte? Ein besonderes Angebot für Kulturbewusste
und Anspruchsvolle hält der Friedhof Sihlfeld seit kurzem bereit:
Damit die Totenstadt ein «lebendiger Ort» bleibe und nicht
zum Museum verkomme, kann man sich für die Zeit nach dem eigenen
Ableben in einer der denkmalgeschützten Grabanlagen «einmieten».
Vorausgesetzt, man verfügt im Diesseits über das nötige
Kleingeld.»
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